Der Malinois - in erster Linie ein Gebrauchshund
Es ist klar, dass ein Belgisch oder Französisch Ring-3 ausgebildeter Hund nur jene gesunde und ausgeprägte Sensibilität besitzen kann, die mit Empfänglichkeit zu beschreiben ist. Ein gesunder Malinois ist extrem aufmerksam und reagiert auf alles, was sich um ihn herum abspielt. Als ausgezeichneter Beobachter reagiert er oft vorschnell, sobald er den Ablauf einer Situation kennt. Ganz besonders deshalb braucht er eine starke, selbstsichere Persönlichkeit an seiner Seite, die ihn klug zu führen weiss - mit anderen Worten: Nur ein Hundeführer, der fähig ist, die nötige Sensibilität im Umgang mit diesem temperamentvollen Gebrauchshund zu entwickeln, wird überhaupt in der Lage sein, einen Malinois erfolgreich zu führen - egal in welcher Sparte.
Als Diensthund in aller Welt und diversen Bereichen hat der Malinois seit einigen Jahren einen festen Platz und die Nachfrage steigt. Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach der Gebrauchstüchtigkeit des Malinois eigentlich schon beantwortet, wirft jedoch gleichzeitig folgende Fragen auf: Wieson kann eine Rasse so lange in Menschenhand noch so gut sein, und wieso hat das bis vor Kurzen kaum jemand bemerkt?
Im Herkunftsland des Malinois und seinen Nachbarländern gibt es Prüfungsordnungen (Belgisch und Französisch Ring), die weitaus höhere Ansprüche an den Hund stellen als in den deutschsprachigen Teilen Europas. Die Anforderungen in den jeweiligen Prüfungsordnungen hinsichtlich körperlicher und nervlicher Belastung sind sehr hoch. Ein erwachsener, körperlich und psychisch gesunder, trainierter Malinois bewältigt spielend die 2,5 m hohe Steilwand ohne Kletterhilfe, ebenso die 1,2 m hohe Hürde, wobei der letzte halbe Meter aus lose auffliegenden Stangen besteht. Angesichts solcher extremen Herausforderungen, allein bei diesen Sprungdisziplinen, ist es nicht verwunderlich, dass in den genannten Ländern bis vor kurzem keine HD-Röntgenpflicht bestand. Es ist ganz einfach: Ein Hund mit HD (Hüftdiysplasie) kann nicht springen. Zudem sind die Regeln der Ringarbeit im Wesentlichen nie geändert worden; d.h. die Prüfungsordnung wurde nicht einfach den schwächer werdenden Hunden angepasst.
Das Bewachen eines Gegenstandes ist nach wie vor die Hauptattraktion im Ring und zeigt die Nervenstärke und Selbstsicherheit eines Hundes auf eindrückliche Weise. Ein nervenschwacher und/oder ängstlicher Hund kann diese Übung niemals bestehen. Im deutschsprachigen Raum Europas wurden sämtliche Bewachungsarbeiten aus den nationalen PO's gestrichen und in der Sparte IPO gab es das Bewachen leider gar nie. Die Steilwand wurde durch eine Schrägwand mit Kletterhilfe ersetzt; es wurden also auch da Anpassungen zu Gunsten der schwächeren Hunde vorgenommen. Gleichzeitig schenkte niemand dem Treiben der westlichen Nachbarländer Beachtung.
Ursprung in Belgien
Der legendäre Tjop, geboren am 1.11.1888 mit der Stammbaumnummer LOSH 6132 und die hellfarbeige Dewet LOSH 6466, waren die ersten offiziellen Vertreter der Malinois. Der Züchter von Tjop, Louis Huyghebaert, stammte aus dem belgischen Malines resp. Malinois. Daher haben die Hunde ihren Namen.
Die Züchter um Malines wollten von Anfang an tüchtige Gebrauchshunde. Aussehen oder Farbe waren äussere Erscheinungen und nicht von grosser Bedeutung. Als 1899 für die kurzhaarigen Hunde nor noch die rotbraune Farbe zugelassen war, hielten sich die Züchter kaum daran. Der Malinois erwies sich als ausgezeichneter Hund für die Schutzhundeausbildung Belgisch und Französisch Ring. Die Zucht wurde darauf hin intensiviert. Für die Hundesportler spielte das Aussehen der Hunde nach wie vor keine Hauptrolle und falls vorhanden, musste es mit gutem Wesen einhergehen. Kurz vor dem 2. Weltkrieg hatten die Ring-Wettbewerbe grosse Bedeutung und es wimmelte nur so von professionellen Hundeabrichtern, die damit gutes Geld verdienten. Der Malinois war gross in Mode gekommen und stark verbreitet bei der Polizei und beim Militär. Er überragte als Arbeitshund alle anderen Varietäten des Belgischen Schäferhundes. Dies ist bis auf den heutigen Tag so geblieben, was sowohl Teilnahme als auch Resultate an Leistungsprüfungen immer wieder beweisen.
Nach dem 2. Weltkrieg waren durch die Verarmung der Bevölkerung und auch wegen der Ausrottung der Belgischen Schäferhunde durch die damalige deutsche Wehrmacht nicht mehr viele Malinois zur Zucht vorhanden. Ausserdem setzte die neue Farbenpolitik beim Malinois den Züchtern hart zu, und die ohnehin nicht sehr umfangreiche genetische Zuchtbasis wurde dadurch zusätzlich vermindert. Sirol van de Molenbeck war wohl einer der wichtigsten Vererber in der Gebrauchshundezucht nach dem 2. Weltkrieg und wurde entsprechend viel zur Zucht eingesetzt. Er nahm 1947 und 1949 an der Belgischen Siegerprüfung teil und belegte beide Male den letzten Platz. Sirol verkörperte den Typ des eigenständigen, ernsthaften und somit harten, ja vielleicht etwas sturen Malinois, der nur bedingt in die Spitze zu führen ist, dafür aber um so erlolgreicher in der Zucht eingesetzt wurde. Er war der Vater von Clip und Meteko, die insgesamt neunmal die Belgische Meisterschaft gewannen. Er selbst erreichte 1951 den 2. Rang. Das Kriterium für die Zucht der Malinois war also nicht in erster Linie der Sieg, sondern der Charakter!
Rassespezifische Verhaltenstendenzen
Der Malinois besitzt eine sehr ausgeprägte Körpersprache und er zeigt sein Befinden mit vielen an das Wolfsverhalten erinnernden Ausdrucksformen. Grundsätzlich hat er einen ausgesprochen offenen Charakter, d.h. er ist sehr zugänglich. Seine schnelle Auffassungsgabe macht ihn manchmal auch zu einem etwas schwierigen Partner, denn sein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen speichert sowohl die positiven als auch die negativen Eindrücke nachhaltig. Er sollte also in der Jugend weder überfordert noch unterfordert oder gar unterdrückt werden. Frühestens mit 3 Jahren ist der Malinois erwachsen.
Spielen und Elemente aus dem Beutefangverhalten sind beides überaus wichtige Faktoren für das Wohlbefinden eines Malinois. Wird ihm der Schlüsselreiz für diese Instinkthandlung ständig vorenthalten, kann das fatale Folgen haben. Seine soziale Kompetenz erwirbt er besonders im spielerischen Umgang. Im Spiel mit uns Menschen ist wichtig, dass er auch immer wieder der Gewinner sein darf. Das stärkt sein eigenes Selbstvertrauen und auch das Vertrauen uns Menschen gegenüber. Obwohl dieses ganz ausgeprägte Beuteverhalten den Malinois als gebrauchstüchtigen Hund besonders auszeichnet, darf seine Ernsthaftigkeit niemals unterschätzt werden. Als Naturbewacher besitzt er eine angeborene Verteidigungsbereitschaft und würde wohl kaum einen Fremdling einfach so in sein Territorium einlassen. Deshalb ist er keinesfalls grundsätzlich böse, denn ausserhalb seines eigenen Reviers verhält er sich unter normalen Umständen absolut neutral. Normale Umstände sind ein gutes Einvernehmen zwischen Hund und Hundeführer und demzufolge absolut klare Rangordnungsverhältnisse. Wenn der Malinois in uns Menschen Sicherheit, Selbstvertrauen, Ruhe - mit anderen Worten also Stärke erkennt, und dabei ausreichend physisch und psychisch beschäftigt wird, fühlt er sich bei uns wohl und ist ein treuer und ausgeglichener Gefährte. Respektlosigkeit und vorgespielte Dominanz sind pures Gift für eine gute Beziehung mit einem Malinois. Er spürt unser Innenleben und sein Bedürfnis nach klaren Strukturen treibt ihn unter diesen Umständen an, das Zepter in die Hand zu nehmen, wo immer es ihm möglich ist. Er wird niemals aufhören damit und somnit zum Stress für den Hundehalter und dessen Umfeld. Auch Unterdrückung und abverlangter, blinder Gehorsam sind kein Rezept für eine gute Beziehung mit einem Malinois. Er wird sich dieser Situation je nach individuellem charakter auf seine Weise entziehen. So kann er Situationen meiden, stur wirken oder die Nerven gehen mit ihm durch und er wird hyperaktiv auf jeden von ihm verlangten aber unverstandenen Gehorsam reagieren. An Prüfungen können dann einige Hundeführer das jeweilige Fehlverhalten ihrer Hunde nicht nachvollziehen und begründen es ganz einfach zu Lasten des Hundes mit Worten wie: "Er ist ein sturer Hund" oder "er ist ein nerviger Hund"!
Haltung und was ein Malinois braucht
Ob der Malinois als Rudelmitglied in einer Menschenfamilie oder in einem kleineren Hunderudel in einem ausreichend grossen Freilauf mit zusätzlich gedecktem und windgeschützten Zwinger gehalten wird, spielt keine so grosse Rolle. Eine artgerechte Haltung setzt aber voraus, dass der Hund nicht worwiegend allein sein muss und er genügend Beschäftigung von und mit seinem Menschen bekommt, die seine Bedürfnisse befriedigt. Am Fahrrad angebunden rennen, ereignislose Spaziergänge, selbst wenn sie Stunden dauern - und Agility sind nette Abwechslungen, können den natürlichen Trieben eines Malinois aber kaum vollständig gerecht werden. Der Malinois braucht unbedingt vor allem geistig anspruchsvolle Beschäftigung, die seiner Art entspricht. Somit braucht er auch einen geistig und körperlich aktiven und beweglichen Menschen an seiner Seite. Der Malinois spielt leidenschaftlich gerne. Daher bereitet ihm auch die Schutzarbeit grosse Freude. In allen Formen dieser Disziplin kann er sich so richtig austoben und sein ganzes strategisches Talent, eine Beute zu erhaschen, sie zu schütteln, um sie zu kämpfen und sie zu bewachen so richtig einsetzen. Diese Arbeit bedeutet für ihn als domestiziertes Raubtier höchste Triebbefriedigung. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass selbst ein hoch hitziges Weibchen von einem ernsthaft arbeitenden Malinoisrüden ignoriert wird. Die meisten Malinois wollen also nur eines: Arbeiten! Dieser Tatsache sollten sich alle, dei einen Malinois erwerben wollen, bewusst sein. Fährten mit geschicktem Aufbau und spielerische aber konsequente Unterordnungsübungen sind ideale Ergänzungen . Sicher gibt es in jeder Zucht, in der auf spezifische Verhaltenstendenzen hin gezüchtet wird immer wieder Hunde, die die erwünschten Eigenschaften weniger intensiv zeigen. Aber selbst ein eher ruhigerer Malinois ist mit Spaziergängen masslos unterbeschäftigt und unterfordert. Der Malinois gehört in Hände von interessierten und engagierten Hundehaltern, die keinen Aufwand scheuen, ihrem Hund gerecht zu werden. Selbst freilaufend muss der Malinois unter ständiger Beobachtung, also dauernd an einer unsichtbaren Leine sein. Wer den enormen Aufwand und die nötige Energie scheut, dieses Band zu schmieden, wird seine liebe Mühe haben und sollte vom Kauf eines Malinois unbedingt absehen.
Anforderungsprofil bei Zuchthunden
Zuchttauglich ist in der Schweiz ein Malinois, der die hiesige Ankörung besteht. Im Übrigen braucht er keine Prüfungen abzulegen. Nebst dem äusseren Erscheinungsbild gemäss Standard wird ein ausgeglichenes Wesen und einwandfreie Gesundheit verlangt. Aggression ist sicher ein wichtiges Element des Selbsterhaltungstriebes, doch ein übermässig aggressiver Malinois wird die Ankörung nicht bestehen und somit nicht zur Zucht zugelassen. Deshalb wird an der Ankörung der Malinois bewusst auf die sogenannte Vereinsamungsübung verzichtet, da sowohl Aktion als auch Reaktion dieser Übung jene Form der Selbstverteidigung charakterisiert, die wir als unerwünschtes Aggressionsverhalten bezeichnen. Sicher wird ein Malinois, der den anfangs beschriebenen schwierigen Ringarbeiten bis ins Niveau 3 standhalten mag, oder erfolgreich in der Sparte IPO 3 arbeitet die Ankörung nach schweizerischer Norm spielend bestehen. Daher werden solche Hunde für die Zucht von tüchtigen Gebrauchshunden auch von Schweizer Züchtern guter Gebrauchshunde nach wie vor bevorzugt. Als Zuchtziel gilt auf jeden Fall den Malinois erhalten, so wie er ist. Verbessern kann man diese Rasse nicht, aber es wird Mühe und Anstrengung kosten, sie zu erhalten.
Züchter werden ist nicht schwer
Die Zuchtbestimmungen sind in vielen Ländern unterschiedlich, jedoch machen viele Vereine zugunsten der Hunde und der Käufer bestimmte Auflagen für die Zucht. Diese strengen und kostspieligen Auflagen müssen weltweit eingehalten werden. Sogenannte Dissidenzvereine (nicht der FCI angeschlossen) haben nur eines gemeinsam: Sie sind nie mit den strengen Auflagen der FCI/SKG geschützten Rassehundeklubs einverstanden. Wir empfehlen allen Leuten, die einen guten Rassehund kaufen wollen: Lassen sie die Hände von solchen dubiosen Hundehändlern oder angeblichen Zuchtstätten.
Jeder Mensch und jedes Tier sind Individuen deren Talente und Charakteren zum grossen Teil bereits bei der Geburt mitgegeben werden. Wie sie geformt , gefördert und genutzt werden, hängt letztlich vom Umfeld ab.
So ist zum Beispiel der feste Griff beim Hund genetisch, respektive ein angeborenes Talent, welches gefördert und bei der Zucht unbedingt in Betracht gezogen werden muss. Aber dieses eine Talent genügt bei weitem nicht. Gute Endresultate sind sicher ebenfalls ein zu berücksichtigendes Kriterium, grundsätzlich aber nicht entscheidend für eine gute Zucht.
Im Verlaufe meines langjährigen Wirkens als Figurant an diversen Ausscheidungen, Schweizer- und Weltmeisterschaften habe ich die Erfahrung gemacht, dass Hunde mit schönem, festen Griff deshalb nicht zwingend auch unerschrockene, sichere Kämpfer mit guten Nerven sind. Viel wichtiger als das Griffverhalten ist die Ernsthaftigkeit, das angeborene Engagement - mit anderen Worten - das Herz! Dieses kann nicht gefördert werden. Es ist vorhanden oder nicht, und im entscheidenden Moment wird jeder noch so gut trainierte und erfolgreiche Hund, dem das Herz fehlt, durchfallen.
Nach knapp 20 Jahren Erfahrung als Ausbilder und Hundeführer (F-Ring III) habe ich mich aus Überzeugung entschieden eine eigene Malinois Zucht aufzubauen. Als Ziel meiner Zucht "au bord de forêt" strebe ich an, starke, sichere Hunde mit guten Nerven und vor allem mit Herz zu züchten, welche auch dem äusserlichen Standard entsprechen . Dabei ist es mir ein sehr grosses Anliegen, die des Malinois eigene Sensibilität und sein unbändiges Temperament beizubehalten.